Tag der Befreiung.

Es regnet, die Wolken hängen tief und ein immanent vorhandenes Gefühl der Gräue liegt über der Stadt. Der 8. Mai 1945, Deutschland hat den Krieg verloren, wurde von den Alliierten von einem tyrannischen Regime befreit, dem es selbst ziemlich bedingungslos gefolgt ist.

Der 8. Mai 2007. 62 Jahre ist es her, dass sowjetische Panzer in Ost- und angloamerikanische in Westdeutschland einrollten.

Ich lebe in einer Stadt, deren Schicksal wohl durchaus häufiger als Symbolbild dieses Krieges missbraucht wird. Einmal im Jahr, am 13. Februar, kommen die Sympathieträger aus dem Umland zusammen, um Kränze an die Heldengräber ihrer Urgroßeltern zu bringen.

Einmal im Jahr kommen dann unter dem Banner des »Aufstandes der Anständigen« die anderen zusammen, um zu zeigen, dass sie gegen diese Art der Sympathiebekundigung sind. Man beglückwünscht sich dann im Anschluss dazu, dass man die zehnfache Menge an Personen aufgeboten hat, und freut sich, dass man abschließend noch die Opfer dieser schrecklichen Bombennächte betrauern darf.

Zeitsprung: Ostern, in einer südniedersächsischen Kleinstadtkneipe sitzen 30 Männer und 6 Frauen, um Fußball zu kucken. Ein schwarzer Spieler übersieht beim Fallen, dass er dazu ja eigentlich keinen Grund hatte, und provoziert so einen Freistoß gegen die Mannschaft, die von der Mehrheit der Kneipenbesucher favorisiert wird. »Hat wohl zu Hause noch nicht mal richtig laufen gelernt. Obwohl: Ist ja eigentlich das einzige, was die können.« Ich drehe mich um. Man sieht einige Menschen den Kopf schütteln. Andere lächeln, viele beides. Hätte ich was gesagt, wäre ein »weißt’ doch, wie ich das meine« gekommen.

Zeitsprung: Drei Jahre wird es inzwischen schon her sein. In einem Bus der Dresdner Verkehrsbetriebe sitzt ein älterer vietnamesischer Mann auf einem Doppelsitz, den zwei Anhänger des örtlichen Fußballvereins als den ihrigen beanspruchen. Schließlich haben sie ihn ja bezahlt, »mit unseren Steuern«, während der Vietnamese ihnen die Arbeit wegnahm. Wären die anderen Menschen auch aufgestanden, wenn ich nicht zuerst hingegangen wäre?

Heute, am 8. Mai 2007, sitze ich in der Mensa, es kommt mir ein junger Student mit Cw-optimierter Frisur entgegen. »Great White« steht oben in großen weißen Lettern auf tiefschwarzen Grund geschrieben, sehr klein unter einem Logo: »Polar Bear«. Wenn man also kein »lo« und »le« unter der Jacke verbergen darf, dann also Polarbären.

Manchmal denke ich, die Welt braucht mehr als Stolpersteine.

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