Identität, so der Mann mit den Lustigen URLs, sei das nächste große Ding. Aber um OpenID soll es an dieser Stelle gar nicht gehen (ein Vortrag meinerseits zu dem Thema ist in Arbeit, wird aber wohl nur Informatikstudenten der TU Dresden beglücken), sondern um die Frage der eigenen Herkunft, die zumindest stückweise ausmacht was man ist.
Dresdner bin ich, wenn ich auf die Frage antworte, wo ich herkomme. Außer, ich bin in Dresden, dann bin ich Einbecker, nicht qua Internetpseudonym, sondern Geburts- und Volljährigwerdestadt. Deutscher? Sicher, steht im Pass, auch wenn ich das trotz Trikottragens während der WM eine äußerst komische Definition finde. Ist ein Schleswiger auch ein bisschen Däne, weil er ja immerhin nur 50 Kilometer entfernt wohnt? Bin ich mehr Niederländer als Bayer? Wenn ich im Flugzeug über England geboren bin, bin ich Brite, aber wenn meine Eltern Türken sind, seit Jahren in Deutschland leben und ich in Deutschland geboren werde, bin ich Türke. Und damit auch nicht interessant, wenn es zum Beispiel um die Gefangennahme im Rechtsfreien Raum geht.
Staatsbürgerschaft kann somit kein Merkmal der Identität sein — höchstens umgekehrt, wenn es ein gutes Staatsbürgerschaftsrecht gäbe. Worüber können wir uns dann definieren? Die klassischen drei Antworten: Tradition. Werte. Und Kultur. Womit wir auch schon beim Kulturkreis und der Wertegemeinschaft angelangt sind.
Denn: Reist man nach Italien, versteht man (ich) kein Wort der dortigen Sprache. Man kann sich dennoch problemlos verständigen. Das ist von Portugal bis ans Nordkapp, von Irland bis zum Ural grundsätzlich ähnlich. Reist man dann nach China, erlebt man einen Kulturschock, der sich gewaschen hat. Der Europäische Kulturkreis hat sich sozusagen um einen geschlossen, da kann man nichts machen.
Und: Diskutieren sie nicht mit Amerikanern über Wahlrecht oder Todesstrafe. Sie werden sich gegenseitig nicht verstehen.
Man merkt also: Da ist eine Grenze, eine dünne, schwammige Grenze, aber sie ist da. Allerdings so ungenau, dass sie sich durchaus auch nichtexistent oder hochkomprimiert daliegen kann (Was sich Richtung Amerika und Afrika noch erklären lässt: Vor 300 Jahren hat da einer mit (wasserlöslichem) Stift mal eine rote Linie durch die Meere gezeichnet. Klar, das die jetzt etwas verschwommen ist.).
Zurück zu meiner Identität, denn darum soll es hier ja eigentlich gehen (und auch wenn ich selbstverständlich Anderes von mir glaube: ich bin weder Philosoph, Friedenstheoretiker noch Politiker): Was bin ich? Nun, die Antwort gebe ich schon ganz oben: Europäer. Ich höre mit vorliebe Britische und Skandinavische Bands. Aber auch Deutsche. Und diese einen Portugiesen, deren Name mir natürlich nicht einfällt. Ich fahre Ski in Österreich, esse Steaks in Ungarn, kraule im französischen Atlantik (Na gut: Brustschwimmen. Ich hab beim Bund den »Test der Schwimmfähigkeit« (heißt wirklich so) nur mühsam bestanden.). Ich habe in Brüssel für das Europäische Parlament gearbeitet. Und fühlte mich überall zu Hause.
Ich habe ein Jahr in den USA gelebt, bin durch China und Marokko gereist. Und fand alles super. Aber: Es war fremd, anders — auch wenn dafür natürlich jegliche Definition fehlt.
Und (jetzt wende ich mich schon wieder von dem persönlichen ab, schließlich bin ich ja Politphilosoph): Ich bin nicht alleine. Zwei meiner besten Freunde haben zwei Staatsbürgerschaften. Andere arbeiten in England oder der Schweiz. Für uns alle ist die Frage nach den europäischen Grenzen absurd: Wir überqueren sie und müssen uns nur noch gedanken machen, wenn man wirklich noch eine andere Währung braucht. Ob nun Sardinien oder Salamanca, Luxemburg oder Lettland — die Unterschiede sind nicht größer als zwischen Bremen und Berlin, Mannheim und München.
Viele Menschen haben Angst vor der EU: Sie sehen diesen Wirtschaftskoloss namens Globalisierung und glauben, davon erdrückt zu werden. Sie sehen Polen, die ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Sie sehen Spargelstecher und ein Parlament, das alle vier Wochen die Stadt wechselt. Sie sehen Verordnungen über den Krummheitsgrad von Bananen, haben die (berechtigte) Angst, in ihrer Stammkneipe bald nicht mehr rauchen zu können. Und sehen nicht, wenn ich mit einer Polin am Tisch sitze, Wein oder Bier oder Vodka trinke und wir nicht darüber nachdenken, dass mein Großvater ihren Großvater getötet haben könnte. Vor 60 Jahren. Früher wurden über längere Zeiten Krieg geführt, heute reise ich ohne Pass durch ein Gebiet, dass dem römischen Reich nahekommt.
Liebe EU, herzlichen Glückwunsch zum Fünfzigsten. Wachse, verleibe ein, was zu Dir passt und Deine Werte vertritt. Hör nicht auf, weil wir Dich einmal kritisieren. Gedeihe, zeige Dich von Deiner schönsten Seite, so dass Dich alle Menschen dieser Welt verstehen und sagen: Ich bin Europäer.