23. 03. 07
@ 17:33

Europäer

Identität, so der Mann mit den Lustigen URLs, sei das nächste große Ding. Aber um OpenID soll es an dieser Stelle gar nicht gehen (ein Vortrag meinerseits zu dem Thema ist in Arbeit, wird aber wohl nur Informatikstudenten der TU Dresden beglücken), sondern um die Frage der eigenen Herkunft, die zumindest stückweise ausmacht was man ist.

Dresdner bin ich, wenn ich auf die Frage antworte, wo ich herkomme. Außer, ich bin in Dresden, dann bin ich Einbecker, nicht qua Internetpseudonym, sondern Geburts- und Volljährigwerdestadt. Deutscher? Sicher, steht im Pass, auch wenn ich das trotz Trikottragens während der WM eine äußerst komische Definition finde. Ist ein Schleswiger auch ein bisschen Däne, weil er ja immerhin nur 50 Kilometer entfernt wohnt? Bin ich mehr Niederländer als Bayer? Wenn ich im Flugzeug über England geboren bin, bin ich Brite, aber wenn meine Eltern Türken sind, seit Jahren in Deutschland leben und ich in Deutschland geboren werde, bin ich Türke. Und damit auch nicht interessant, wenn es zum Beispiel um die Gefangennahme im Rechtsfreien Raum geht.

Staatsbürgerschaft kann somit kein Merkmal der Identität sein — höchstens umgekehrt, wenn es ein gutes Staatsbürgerschaftsrecht gäbe. Worüber können wir uns dann definieren? Die klassischen drei Antworten: Tradition. Werte. Und Kultur. Womit wir auch schon beim Kulturkreis und der Wertegemeinschaft angelangt sind.

Denn: Reist man nach Italien, versteht man (ich) kein Wort der dortigen Sprache. Man kann sich dennoch problemlos verständigen. Das ist von Portugal bis ans Nordkapp, von Irland bis zum Ural grundsätzlich ähnlich. Reist man dann nach China, erlebt man einen Kulturschock, der sich gewaschen hat. Der Europäische Kulturkreis hat sich sozusagen um einen geschlossen, da kann man nichts machen.

Und: Diskutieren sie nicht mit Amerikanern über Wahlrecht oder Todesstrafe. Sie werden sich gegenseitig nicht verstehen.

Man merkt also: Da ist eine Grenze, eine dünne, schwammige Grenze, aber sie ist da. Allerdings so ungenau, dass sie sich durchaus auch nichtexistent oder hochkomprimiert daliegen kann (Was sich Richtung Amerika und Afrika noch erklären lässt: Vor 300 Jahren hat da einer mit (wasserlöslichem) Stift mal eine rote Linie durch die Meere gezeichnet. Klar, das die jetzt etwas verschwommen ist.).

Zurück zu meiner Identität, denn darum soll es hier ja eigentlich gehen (und auch wenn ich selbstverständlich Anderes von mir glaube: ich bin weder Philosoph, Friedenstheoretiker noch Politiker): Was bin ich? Nun, die Antwort gebe ich schon ganz oben: Europäer. Ich höre mit vorliebe Britische und Skandinavische Bands. Aber auch Deutsche. Und diese einen Portugiesen, deren Name mir natürlich nicht einfällt. Ich fahre Ski in Österreich, esse Steaks in Ungarn, kraule im französischen Atlantik (Na gut: Brustschwimmen. Ich hab beim Bund den »Test der Schwimmfähigkeit« (heißt wirklich so) nur mühsam bestanden.). Ich habe in Brüssel für das Europäische Parlament gearbeitet. Und fühlte mich überall zu Hause.

Ich habe ein Jahr in den USA gelebt, bin durch China und Marokko gereist. Und fand alles super. Aber: Es war fremd, anders — auch wenn dafür natürlich jegliche Definition fehlt.

Und (jetzt wende ich mich schon wieder von dem persönlichen ab, schließlich bin ich ja Politphilosoph): Ich bin nicht alleine. Zwei meiner besten Freunde haben zwei Staatsbürgerschaften. Andere arbeiten in England oder der Schweiz. Für uns alle ist die Frage nach den europäischen Grenzen absurd: Wir überqueren sie und müssen uns nur noch gedanken machen, wenn man wirklich noch eine andere Währung braucht. Ob nun Sardinien oder Salamanca, Luxemburg oder Lettland — die Unterschiede sind nicht größer als zwischen Bremen und Berlin, Mannheim und München.

Viele Menschen haben Angst vor der EU: Sie sehen diesen Wirtschaftskoloss namens Globalisierung und glauben, davon erdrückt zu werden. Sie sehen Polen, die ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Sie sehen Spargelstecher und ein Parlament, das alle vier Wochen die Stadt wechselt. Sie sehen Verordnungen über den Krummheitsgrad von Bananen, haben die (berechtigte) Angst, in ihrer Stammkneipe bald nicht mehr rauchen zu können. Und sehen nicht, wenn ich mit einer Polin am Tisch sitze, Wein oder Bier oder Vodka trinke und wir nicht darüber nachdenken, dass mein Großvater ihren Großvater getötet haben könnte. Vor 60 Jahren. Früher wurden über längere Zeiten Krieg geführt, heute reise ich ohne Pass durch ein Gebiet, dass dem römischen Reich nahekommt.

Liebe EU, herzlichen Glückwunsch zum Fünfzigsten. Wachse, verleibe ein, was zu Dir passt und Deine Werte vertritt. Hör nicht auf, weil wir Dich einmal kritisieren. Gedeihe, zeige Dich von Deiner schönsten Seite, so dass Dich alle Menschen dieser Welt verstehen und sagen: Ich bin Europäer.

30. 10. 06
@ 15:45

Such is life.

Dieses Jahr, es hat es in sich. Zu viel Achterbahn für meinen Geschmack, wobei das ja auch das Leben ausmacht.

Aber auf alle Fälle zu viel Besuche bei Archiatrosen und Confectionariis. Notaufnahme, Magendoc, Orthopäde, Neurologe, Chirurg und natürlich die werte Frau Hausärztin: Ich hab Euch alle viel zu häufig gesehen. Gerade in letzter Zeit.

Interessieren Euch nicht, meine Wehwehchen? Dann jetzt bitte weghören: Gastroskopie mit Ergebnis Reflux durch eine Hernie (Typ: C). Commotio Cerebri inklusive Hämatom. Microtraumatae an der Tibialis-Posterior-Sehne. Noch zwei Acute Viral Nasopharyngitis dazu. Essentieller Tremor. Digitus-Inflammatio. Und zwei Desmorrhexiae.

Ich hätte dann damit meinen Teil »Wahrung der Doktorenbesitzstände« für die nächsten zwei Jahre erfüllt, jetzt ist wer anderes dran.

Bittedanke.

07. 09. 06
@ 10:42

N. K.

Nehmen wir einmal an, wir kennen uns selbst. Wir wissen, dass wir die Bild-»Zeitung« hassen, ihre Methoden verabscheuen und nichts tun, um sie zu unterstützen. Auch ist uns die Klatsch-Mentalität vieler anderer Revolverblätter zutiefst zuwider, auch wenn wir doch die ein oder andere Freundin haben, die (nur beim Frisör) die Bunte liest.

Nehmen wir weiter an, es gäbe da einen Menschen, der seine Lebensjahre elf bis achtzehn größtenteils in einem Verließ unter einer Garage zugebracht. Wir können uns vorstellen (und zugleich nicht), was für Qualen, Zweifel, Hass, Abgründe (you name it) dieser Mensch durchgemacht haben muss. Wir wissen, er ist jetzt befreit worden — befreit zwar aus dem Keller, aber noch lange nicht aus den Klammern, die eine solche Geschichte um den Geist legt.

Setzten wir diese beiden, simplen Annahmen zusammen und wir wissen, was zu tun ist. Nicht.

Da sitze ich gestern mit Freunden zusammen, um das EM-Qualifakationsspiel gegen San Marino zu betrachten, und in der Halbzeitpause wird selbstverständlich auf das Interview gezappt. Ix schreibt drüber, Heiko schreibt drüber, alle schreiben drüber.

Und ich schreibe ja jetzt auch drüber.

Und in gewissen Rahmen kann ich das ja auch gut nachvollziehen: Diese Geschichte ist an sich schon so unbegreiflich, dass es nach jeder Information lechzt, die man kriegen kann. Wieso nie geflohen? Wie kann die Polizei…? Kann sich so jemand…? Was wird aus…? Wird sie je…?

Auch die Presse assistiert, haben wir doch ein Recht darauf, zu efahren, was wirklich geschehen ist.

Nein. Und nein. Was wir wirklich haben sollten, ist Anstand. Den Anstand, aus einem an ihr begangenem Verbrechen nicht ihre Pflicht abzuleiten, nun auch uns zu informieren. Den Anstand, sie in Ruhe ein einigermaßen würdevolles Leben zu bekommen, was trotz vermutlicher Millionenbeträge, die für Interviews, Fotos und Filmrechte den Besitzer wechseln werden, sehr schwer werden wird. Nicht nur hat sie acht Jahre lang keinen Sternenhimmel gesehen, sondern wird auf Jahre hinaus noch in Zeitung, Funk und Fernsehen ihren Namen lesen. Gönnen wir ihr unseren Anstand, so dass der Zeitraum, in dem dies der Fall sein wird, möglichst klein sein wird.

05. 08. 06
@ 13:55

Unmöglichkeit, die

Krankenhaus hier, Darmproblematikä drüben, kaum zum Aushalten. Aber alles wieder gut. Und deshalb eine kleine Liste:

  • München
  • Wien
  • Bratislava
  • Budapest
  • Zagreb
  • Istrien
  • Ljubljana

Dazu nehmen man sich eine Karte, verbinde die genannten Orte mit weiß-schwarz-gestrichelten Linien und schon hat man eine lustige Zugtour um den Monatswechsel. Ick freu mir!

21. 05. 06
@ 23:28

Schön ist es,…

…wenn man sich auskennt. Zum Beispiel in der Notaufnahme der Uniklinik Dresden. Weil man dieses Quartal schon einmal dort war. Und dazu spart man sich die sonst übliche Krankenhauspraxisgebührgegendenkrieg. Man weiß, wo es zum Röntgen geht. Man wird auf die fehlende Beule am Kopf und die dazugewonnene am Fuß angesprochen. Die Schwestern duzen einen, wenn man muskelrelaxantgespritzt auf der Krankenliege richtung radiologischer Untersuchung geschoben wird.

Notaufnahme, das ist ja ein an sich sehr schönes Wort für einen Ort, der zunächst nichts schönes in den Kopf springen lassen will. Ein Bisschen hört sich das nach dem Prinzip Notrecycling oder auch Notvernichtung an, aber ich glaube, eine Anfrage »Wo kann ich hier meine Not loswerden?« würde nur unschöne Assoziationen mit Notdurft verrichten hervorrufen.

Jedenfalls nicht der sechste Bänderriss, sondern nur die wievielauchimmerte Bänderdehnung. Sport ist Mord. Nicht ausgewalzte Außenrandflächen von Tennis-Sandplätzen in Kombination mit durchaus lockeren Bändern führt zu Spielabbruch. Game, Set und Match die anderen. Eigentlich schade.

10. 05. 06
@ 10:39

(K)eine Brieffreundschaft

Da schreibt nun Herr A. dem Herrn B. einen Brief. Herr B. möchte aber nicht mit Herrn A. sprechen, lieber bittet er Frau E., mit A. in Kontakt zu treten. Das alles erinnert irgendwie stark an Kindergarten und wer wem welches Schäufelchen weggenommen hat.

Diplomatie ist die Kunst und Praxis im Leiten von Verhandlungen […] (Zitat: Wikipedia:Diplomatie)

Also genau das, vor dem sich A und B drücken.

Gucken wir uns aber einmal genauer an, was denn in diesem brisanten Brief drinsteht:

Kann sich jemand Jesus Christus (Friede sei mit Ihm), dem großen Boten Gottes, verpflichtet fühlen, die Menschenrechte respektieren, den Liberalismus und ein Zivilisationsmodell präsentieren, seine Gegnerschaft zur Weiterverbreitung von Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen erklären, den ‘Krieg gegen den Terror’ zu seinem Leitmotiv machen (…) - und dann zur gleichen Zeit (andere) Länder angreifen…?”

Nun ja, eine gewisse Rechtfertigung gibt es da ja, siehe die grüne Debatte zum Thema Kosovo.

Selbstverständlich, Saddam war ein mörderischer Diktator. Der Krieg wurde aber nicht geführt, um ihn zu stürzen; das hehre Ziel des Krieges war, Massenvernichtungswaffen zu finden und zu zerstören. (…) Im Fall Irak wurde gelogen. Was war das Ergebnis? Ich habe keinen Zweifel daran, dass Lügen in jeder Kultur verwerflich sind und dass man selbst nicht belogen werden möchte.

Nun, bei allem enthaltenen Populismus, da muss doch eigentlich jeder vernünftige Mensch seine Unterschrift drunter setzen.

In Guantanamo gibt es Gefangene, die nicht vor Gericht gestellt wurden, die keinen Rechtsvertreter haben, deren Familien sie nicht sehen können und die sich offensichtlich in einem merkwürdigem Land außerhalb ihrer Heimatländer wiederfinden. Die Bedingungen und ihr Schicksal unterliegen keiner internationalen Kontrolle. Niemand weiß, ob sie Gefangene sind, Kriegsgefangene, Angeklagte oder Kriminelle.

Auch hier: Mein Name kann darunter.

Natürlich habe ich gewisse Passagen ausgelassen, wo es zum Beispiel um den Staat Israel geht. Oder um die Rechtfertigung des iranischen Atomprogramms durch ein Anrecht auf Forschung.

Aber gerade in unserer »westlichen Welt« sollten wir uns Fragen, ob die Werte Freiheit, Offenheit, Toleranz, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit nicht wieder etwas mehr in den Vordergrund gestellt werden sollten. Wäre ja schade, wenn die in der Weltöffentlichkeit eher mit Menschen wie A. verbunden wird.

10. 04. 06
@ 08:54

Danke, Alitalia.

Für zwei Tage auf den Beinen, für den Streik, fürs Nichtgeben von Essen, Trinken, Decken und, ganz besonders, für die Müdigkeit am Samstag abend, so dass ich das hier nicht sehen durfte. Und dabei wusste ich schon immer, dass es die Weakerthans sind. (Lustige Parallele: Das Weakerthanskonzert damals, was wohl nur großartig gewesen sein konnte, habe ich damals auch durch anderer Leute Fehler verpasst).

Aber es bleibt ja die Musik.

(Tomte meinen auch: »So soll es sein«.)

26. 02. 06
@ 12:02

Gedanken zur Kulturflatrate

Danke, René, für diesen wundervollen Text, auch wenn ich ihm in den Konsequenzen, die Du ziehst, nicht ganz folgen kann. Sicher, da ist einiges faul im System, wie Johnny schrieb, wie man lesen und auch fühlen kann. Und das überall, nicht nur im Bereich Musik, der aber natürlich für uns, die das anspricht, sehr präsent ist.

Aber löst eine Kulturflatrate wirklich die Probleme? Schafft sie vielleicht auch neue?

Nehmen wir zum einen die Verteilung der Musik. Diese müsste, um die Registrierung der Musikstücke vorzunehmen, relativ zentral (etwa P2P mit Servern) geschehen. Dabei wird es nicht möglich sein, jedwedes Format anzubieten, so dass wohl nur 3-5 Formate (sagen wir mal, optimistisch wie wir sind: MP3, Ogg Vorbis, AAC, WMA) in durchschnittlicher Größe (192kbit?). Was aber, wenn ich ein anderes Format will? Etwas fortschrittliches, vielleicht mehr als Stereo? Evolution ist hier wohl schwerlich möglich, weil ja keine Konkurrenz mehr da ist.

Gehen wir weiter zur Verteilung der Einnahmen: Durch die zentral erfassten Downloadzahlen werden die Gelder gerecht verteilt. Das ist jetzt aber nicht anders, abgesehen davon, dass die Musikindustrie vielleicht in viel kleinerem Maße beteiligt wäre. Bei ähnlichem Marketing werden weiterhin Shakira, P. Diddy und Coldplay den Großteil der Gelder machen, nicht Calexico, Clap Your Hands Say Yeah, les Mercredis oder, im großen, die Arctic Monkeys. Denn die sind alle unglaublich gut, authentisch, genial und (sagte ich es schon?) gut. Aber eben auch (und grade deswegen gut) etwas sperrig, schräg und nicht massenkompatibel, weil sie nicht auf Raabs Couch, Tommys Sofa oder MTVivas Schirm passen, nicht nebenher beim Kreuzworträtsellösen gehört werden wollen und sich nicht zur Untermalung eines Liebesfilms eignen (Wir wissen, das dem nicht so ist. Aber sie doch nicht.).

Apropos Einnahmen: Wie sehen die aus? Auf den Fairsharingseiten liest man etwas von rund fünf Euro im Monat. Wohl gemerkt: Von allen Netzteilnehmern, eingesammelt von einer Mammutbehörde a là GEZ (siehe unten). Macht 40 Mio. × 5 € = 800 M€ 2003 hatte die Industrie noch 1650 M€ Umsatz. Wie viele Leute kaufen aber noch (agesehen von uns Vinyl-Liebhabern) Tonträger, wenn sie legal und sehr einfach (so muss das System sein, um nicht ungerecht zu werden) alles aus dem Netz ziehen können. Ach so: Filme und Texte sind da noch gar nicht drin. Sprich: Es wird viel weniger Geld an die Künstler verteilt, und das nach einem Schlüssel, der für die uns sympathischen nicht unbedingt besser wird.

Vielleicht ja sogar schlechter — denn wenn die Industrie schon bei so etwas mitmachen würde, ließe sie es sich wohl kaum nehmen, an der Verteilung der Stücke die Finger mit im Spiel zu haben. Das sähe zum Beispiel so aus, dass amazonescque Empfehlungen in bestimmte Richtungen gehen würden, die den Konzernen eher genehm sind. Vielleicht müssten sie das noch nicht einmal tun: Man konnte das schon an den Verkaufscharts bei dem eben genannten Amazon sehen, dass der Mainstream diese stark verändert.

Was für neue Probleme würde die Kulturflatrate schaffen? Allen voran wohl eine GEZ-ähnliches Monstrum von Behörde, das die Gelder verteilt und zu einem gewissen Anteil auch gleich wieder verschlingt. Auf der einen Seite wehren wir uns gegen die GEZ, wo wir nur können, zum anderen wollen wir gleich eine neue schaffen — kaum konsistent.

Sicher würde ich mich freuen, wenn ich statt der ca. 50-80 Euro, die ich im Monat für Schallplatten ausgebe, diese Summe auf ein Zehntel zurückführen könnte. Das bedeutet aber, dass andere für die Differenz aufkommen müssten. Leute wie meine Eltern, die sich fast nie Musik kaufen, weil ihnen das Radio, für das sie ja Gebühren zahlen, vollkommen ausreicht. Die Ihr Geld vielleicht lieber für den Tennisverein, Ihre Fahrräder oder das Theater ausgeben — und jetzt von dem Geld etwas abzwacken müssten, um meinen Musikkonsum zu kompensieren.

Das alles ist aus meiner Sicht ein Angleichen auf unterem Niveau, das Innovation, Individualität und Kreativität eher unterdrückt als fördert. Sozialismus im kleinen, sozusagen. Gut gemeint, gut gedacht, aber real würde es schiefgehen, da bin ich mir sicher. Das das System in Schieflage geraten ist, ist vollkommen klar — aber die Kulturflatrate, nein, die kann keine Lösung sein.

(Gestern beim Hard-Fi-Konzert gewesen, und »Living For The Weekend« war Highlight und Schlusspunkt zugleich. Später wohl mehr dazu.)

24. 02. 06
@ 15:21

Fehlsichtige Farben

Michael Schuh hat für laut.de Peter Hein, Sänger der Fehlfarben, interviewt.

Der Mann ist Popgeschichte, hat zumindest mit »Es geht voran« Tausende von Adressaten verwirrt und viel, viel Musik aufgenommen. Heutzutage ist er nur noch Geschichte, selber verwirrt und hat viel, viel Musik aufgenommen. Wollen wir uns das Interview mal angucken:

»Ich besitze nach wie vor keine Platten von denen.«

Sagt er im Bezug auf Tocotronic. Ein paar Zeilen weiter unten:

»Q: Wie stehst du dann zu antinationalistischen Statements wie “Aber Hier Leben, Nein Danke”? Distinktion ist ja erstmal nichts Schlechtes.

A: Ja gut weißte, die machen jetzt halt das, was mir de facto irgendwie schon 1985 auf den Keks gegangen ist.«

Merke: Wir laden uns nen Künster auf ein Album ein, um mit dem Werbung machen zu können. Dann haben wir, immerhin »professionell« im Musikgeschäft, noch nie was von Tocotronic gehört. Ach so, aber das was die machen, auch wenn wir es nicht kennen, das geht uns gehörig auf den Keks.

»Sarah Kuttner sagt mir jetzt zum Beispiel nix. Musikfernsehen hat sich meines Wissens ja selber abgeschafft.«

Obwohl er da ja prinzipiell Recht hat: Über etwas reden, das man gar nicht kennt, geht mal gar nicht.

Zusammenfassung: Er lästert über die Leute, die zu ihrem »26 1/2« beitragen, spricht von stressigen Aufnahmen, wenn er grade bei dreien dabei war, und tut so, als ob letztendlich allein die Fehlfarben einen Platz auf dem Olymp verdient haben.

Gibt es eigentlich ein Gen, dass aus Musikern nach 25 Jahren Bühnenpräsenz selbstreferentielle Wichtigtuer ohne Ahnung macht?

(Die Sterne freuen sich schon aufs neue Album: »Widerschein«.)

22. 02. 06
@ 13:03

Planetakis (oder warum man… ach nee)

Manchmal hat der Herr Shhh die gleichen Ideen wie ich — oder besser: umgedreht. We Are Schientists, die wollte ich mir gestern eigentlich in Berlin angucken, doch die Zeit hat mal wieder nicht gereicht, und wahrscheinlich war es auch gut so. Denn als Vorgruppe waren Planetakis mit dabei, das neue Projekt der Gitarrengesangsfraktion von den so unglaublich verehrungswürdigen Angelika Express. Und wo Herr Shhhh noch Milde walten lässt (gut, das pinke Bügelbrett ist hart…), hauen die Plattentester noch mal richtig drauf: »Den Schwenk zum Powerschlager kann man so ohne Erklärung dagegen schon nicht mehr hinnehmen.«. Und haben Recht, wenn man sich alleine die vier Stücke auf MySpace anhört. Die Welt braucht das nicht. Was die Welt braucht, ist zum Beispiel eine Top 5 der besten Angelika-Express-Stücke. Die gabs mal, wie ein Trackback bei der Freakshow beweist. Und ist jetzt weg, dank meiner genialen Datenbankreinigungsfähigkeiten. Es ist Zeit für mich zu gehn.

(Ich wär so gerne wie »Francois Truffaut«. Rest in peace, werte Angelika.)