N. K. September 7th, 2006 Leben Kommentare (RSS) Trackback

Nehmen wir einmal an, wir kennen uns selbst. Wir wissen, dass wir die Bild-»Zeitung« hassen, ihre Methoden verabscheuen und nichts tun, um sie zu unterstützen. Auch ist uns die Klatsch-Mentalität vieler anderer Revolverblätter zutiefst zuwider, auch wenn wir doch die ein oder andere Freundin haben, die (nur beim Frisör) die Bunte liest.

Nehmen wir weiter an, es gäbe da einen Menschen, der seine Lebensjahre elf bis achtzehn größtenteils in einem Verließ unter einer Garage zugebracht. Wir können uns vorstellen (und zugleich nicht), was für Qualen, Zweifel, Hass, Abgründe (you name it) dieser Mensch durchgemacht haben muss. Wir wissen, er ist jetzt befreit worden — befreit zwar aus dem Keller, aber noch lange nicht aus den Klammern, die eine solche Geschichte um den Geist legt.

Setzten wir diese beiden, simplen Annahmen zusammen und wir wissen, was zu tun ist. Nicht.

Da sitze ich gestern mit Freunden zusammen, um das EM-Qualifakationsspiel gegen San Marino zu betrachten, und in der Halbzeitpause wird selbstverständlich auf das Interview gezappt. Ix schreibt drüber, Heiko schreibt drüber, alle schreiben drüber.

Und ich schreibe ja jetzt auch drüber.

Und in gewissen Rahmen kann ich das ja auch gut nachvollziehen: Diese Geschichte ist an sich schon so unbegreiflich, dass es nach jeder Information lechzt, die man kriegen kann. Wieso nie geflohen? Wie kann die Polizei…? Kann sich so jemand…? Was wird aus…? Wird sie je…?

Auch die Presse assistiert, haben wir doch ein Recht darauf, zu efahren, was wirklich geschehen ist.

Nein. Und nein. Was wir wirklich haben sollten, ist Anstand. Den Anstand, aus einem an ihr begangenem Verbrechen nicht ihre Pflicht abzuleiten, nun auch uns zu informieren. Den Anstand, sie in Ruhe ein einigermaßen würdevolles Leben zu bekommen, was trotz vermutlicher Millionenbeträge, die für Interviews, Fotos und Filmrechte den Besitzer wechseln werden, sehr schwer werden wird. Nicht nur hat sie acht Jahre lang keinen Sternenhimmel gesehen, sondern wird auf Jahre hinaus noch in Zeitung, Funk und Fernsehen ihren Namen lesen. Gönnen wir ihr unseren Anstand, so dass der Zeitraum, in dem dies der Fall sein wird, möglichst klein sein wird.

Kommentare

  1. 5 Sterne für diesen Text!

    Leider.

    Markus

Kommentieren

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>