Dresden, I like you

Du sitzt seit ein paar Tagen an Sachen, die keinen Spaß machen, die aber gemacht werden müssen, willst Du irgendwann mal fertige Software präsentieren. Dann ist etwas unklar, Du rufst Deinen Chef an, stellst fest, dass Du vieles und er einiges nicht richtig verstanden hattet. Bzw. uns beiden nicht ganz klar war, wo das ganze eigentlich hinführen sollte. Mißverständnisse zwischen Ingenieur und Informatiker, die frustieren können: Zumindest, so sie denn ein paar Tage Arbeit über den Jordan jagen. Du guckst aus dem Fenster und es schneit. Aber nicht dieser schöne, dicke, langsame Schnee ist es, der gegen dein Fenster treibt, nein, unten auf der Straße ist klar zu erkennen, dass das ganze Unmengen Matsch produzierst.

Du denkst Dir, dass Du raus musst. Abreagieren. Nicht bald nach China oder irgendwann nach Neuseeland, sondern jetzt, sofort. Widerwillig ziehst Du Dir die Laufsachen, grinst blöd ob der kleinen Freude, dass es heutzutage wenigstens Funktionswäsche für solche Tage gibt. Du gehst vor die Tür, kalter Wind bläst Dir ins Gesicht. Du läufst die ersten Schritte. Der Puls geht viel zu schnell hoch, Du bemerkst zynisch (und nicht nur im inneren Monolog), dass der Jahreswechsel wohl nicht so spurlos an Dir vorbeigegangen ist. Die Nase läuft schon nach wenigen Hundert Metern, das ganze kann ja gar nicht gut werden.

Du erreichst die Heide und guckst, wie die Eisschollen in der Priesnitz treiben. Du siehst die Spuren von Eichhörnchen auf einem Baumstamm und bemerkst, wie ein leises Grinsen auf Dein Gesicht wandert. Das zynische Du behauptet, dass es eh nur festgefroren sei, Du weißt zwar, dass das wahrscheinlich sogar wahr ist, Dir aber ist das egal. Du läufst weiter, plötzlich steht ein Reh vor Dir. Ihr guckt Euch in die Augen, ein kurzer Moment nur, bis es weiterspringt. Du erreichst den Waldfriedhof, läufst weiter Richtung Elbe, kommst am Waldschlößchen raus. Entlang der Elbe siehst Du erst die Schlösser, hinten erahnst Du das Blaue Wunder. Du läufst Richtung Stadtmitte, erkennst auf der anderen Elbseite das alte Dresden in all seiner Pracht: Brühlsche Terasse, Frauenkirche, Semperoper, Zwinger. Du läufst weiter, biegst irgendwann rechts ab, läufst durch innere und äußere Neustadt. Zwei Punks vor dem Plus feuern Dich an — freundlich, nicht abwertend. Bald zu Hause, bald Dusche und Tee.

Zu Hause. Tee. Dusche.

Selbst wenn alle Freunde weggezogen sind, wirst Du diese Stadt immer noch mögen.

(Passend dazu: Interpol mit »Cmere«)

2 Responses to “Dresden, I like you”

  1. Top 5 » Ein ganz normaler Tag Says:

    […] Also, Architektur, Musik und so, klar. Aber dieses Neustadt-Ding, das is es irgendwie. Man, I love this town. […]

  2. neustadtleben Says:

    Ich wünsch mir mehr eingebeckerte Neustadtgeschichten :)

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