2001/09/11 September 11th, 2007 Leben Kommentare (RSS) Trackback

Flieger. Ich war Flieger. Was grundsätzlich nicht mehr bedeutet, als dass ich seit weniger als drei Monaten bei der Luftwaffe meinen Wehrdienst ableistete. An diesem Tag jedoch bedeutete es deutlich mehr: Ich hatte geschworen, Deutschland und die NATO zu verteidigen, was bis zu diesem Tag eine äußerst absurde Handlung darstellte: Volker Rühe traf es einmal sehr genau, als er diesen Umstand mit folgenden Worten beschrieb: »Wir sind umzingelt von Freunden«. Nun waren sie — gefühlt — mitten unter uns.

Wir gingen nach Dienstschluss auf unsere Stube — ein recht großes, aber auch recht schäbiges Zimmer mit zwei Betten, zwei Schränken und einem Fernseher. Ich weiß nicht, was wir genau machten, aber kurz nach der Ankunft sagte Freund L., wir sollten den Fernseher anschalten. Was wir taten. Was wir sahen. Was wir nicht begriffen. Wir gingen auf eine andere Stube, um mit allen gemeinsam das fassungslose zu sehen, was dort vor sich ging. Und das, da waren wir uns unausgesprochen sicher, für unseren Dienst nichts gutes bedeuten konnte.

In unserem Gebäude wohnten viele Zeitsoldaten, die sich verpflichtet hatten, auch außerhalb des NATO-Gebiets eingesetzt zu werden. Aber auch für uns, die als »fein raus« tituliert wurden, war nicht klar, was die Konsequenz war — wir hatten noch knapp sieben Monate zu leisten, und jeder malte sich aus, was da noch alles passieren konnte. Konsequenzen? Ich erwähnte den aus dem Politik-Leistungskurs bekannten Bündnisfall. Deutschland hatte die Pflicht, einem angegriffen NATO-Partner zur Seite zu stehen. Da am Anfang noch wild spekuliert wurde, wer denn wirklich verantwortlich ist, wussten auch wir nicht, wer unser »Feind« denn war. Was die Sache nicht gerade schöner machte. Veränderung würde kommen, so weit war es klar. Aber zu welchem Maße? Wir rechneten mit langen Dienstzeiten, Auslandseinsätzen und, so banal es sich jetzt tippt: Krieg.

Es fing schon den Abend an: Diejenigen, die zur Wachreserve eingeteilt waren, mussten die Wache verstärken. Ein bis Dato einmaliger Vorgang, der sich zukünftig häufig wiederholen sollte. Am nächsten morgen kristallierte sich schon heraus, was für die Öffentlichkeit erst viel später bekannt wurde: Deutschland war Teil eines Bündnissystems und musste deshalb in einen Krieg eintreten, der einen Tag vorher noch undenkbar erschien. (Für Unbeteiligte vielleicht interessant zu wissen: Bevor ein Krieg richtig beginnt, muss logistische Vorarbeit geleistet werden, weshalb die Lufttransportgeschwader die ersten sind, die in Bewegung gesetzt werden — zusammen mit dem Kommando Spezialkräfte, das gewisse »diskrete Vorarbeiten« im Zielland zu erfüllen hat. So fanden sehr schnell »Übungen« statt, die die Errichtung einer Basis in der Nähe von Istanbul erforderten, die danach praktischerweise gleich weitergenutzt werden konnte.)

Die Befürchtungen, die wir hatten, sollten sich nicht bewahrheiten. Wir flogen Decken, Medikamente und Lebensmittel nach Afganistan. Und Soldaten. Und Politiker. Und Hilfskräfte. Keiner von uns wurde in kriegerische Handlungen verwickelt, viele von uns wurden dort begeistert empfangen. Es wurde gedankt, gefeiert und auf eine bessere Welt gehofft.

Ich weiß nicht, wann der Moment kam, dass aus Hoffnung Anst, aus Freude Hass und aus Willkommen Feindschaft wurde. Aber er kam. Sei es durch Soldaten, die Schädel als Fußbälle benutzten. Vielleicht auch, als der Irak angegriffen wurde. Als nach mehreren Monaten in den Ländern immer noch niemand Arabisch sprach. Als die »Befreier« sich nur noch in Panzern durch die Städte bewegten.

Leider jedoch gab es diesen Moment.

Nichtsdestotrotz: Die ersten Handlungen waren gut. Und richtig. Wir sollten sehr genau überlegen, was danach falsch gemacht wurde, um der Welt die Angst, Hysterie und bösartige Stimmung zu nehmen, die auf ihr liegt, damit wir uns wieder wirklich um sie kümmern können.

[Ich habe lange überlegt, wo ich am besten eine Rechtfertigung des Wehrdienstes einbaue. Und es dann bei diesem kleinen Abschnitt belassen: Ich glaube, dass der Dienst, den ich geleistet habe, unbedeutend war. Aber trotzdem in der Gesamtheit wichtig. Die Bundeswehr ist eine kritikwürdige, aber durchaus funktionierende Einheit in unserem politischen System, die bestimmte Maßnahmen (als Teil eines größeren Plans) ausführen vermag, wodurch bestimmte Ziele erreicht werden können, die sonst undenkbar erscheinen. Ob es einen Wehrdienst braucht, sei dahingestellt, eine Verankerung in einer breiten gesellschaftlichen Basis erscheint mir jedenfalls nicht die schlechteste Lösung.]

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